Der Propheten-Raum
Khalils geliehene Stimme
Lies nicht, um Zeit besser zu nutzen. Lies, als säße Dir die Zeit gegenüber und fragte, ob Du sie spürst.
Khalil leiht der Zeit eine Stimme. Vielleicht fragt sie heute nicht nach Vergänglichkeit, sondern danach, wo Ewigkeit durch Deinen Alltag scheint.
Zeit ist zu Gast
Ihr wollt die Zeit messen — das Unermessliche und Maßlose.
Ihr wollt euer Verhalten anpassen und den Lauf eures Geistes lenken nach Stunden und Jahreszeiten.
Aus der Zeit wollt ihr einen Strom machen, an dessen Ufer ihr sitzt und seinem Fließen zuschaut.
Doch das Zeitlose in euch weiß um die Zeitlosigkeit des Lebens. Und es weiß, dass das Gestern nur die Erinnerung des Heute ist und das Morgen der Traum des Heute.
Und dass das, was in euch singt und betrachtet, noch immer weilt in den Grenzen jenes ersten Augenblicks, der die Sterne in den Raum zerstreute.
Wer unter euch fühlt nicht, dass seine Kraft zu lieben grenzenlos ist? Und wer fühlt nicht zugleich, dass diese Liebe, obwohl grenzenlos, umschlossen ist im Zentrum seines Wesens und sich nicht bewegt von Liebesgedanke zu Liebesgedanke, noch von Liebestat zu anderer Liebestat?
Und ist die Zeit nicht ebenso wie die Liebe — ungeteilt und ohne Schrittmaß?
Doch wenn ihr in eurem Denken die Zeit in Jahreszeiten messen müsst, so lass jede Jahreszeit alle anderen umschließen. Und lass das Heute das Gestern umarmen mit Erinnerung und das Morgen mit Sehnsucht.
— Nachdichtung nach Kahlil Gibran
Englisches Original anzeigen · On Time
You would measure time the measureless and the immeasurable.
You would adjust your conduct and even direct the course of your spirit according to hours and seasons.
Of time you would make a stream upon whose bank you would sit and watch its flowing.
Yet the timeless in you is aware of life’s timelessness,
And knows that yesterday is but today’s memory and tomorrow is today’s dream.
And that that which sings and contemplates in you is still dwelling within the bounds of that first moment which scattered the stars into space.
Who among you does not feel that his power to love is boundless?
And yet who does not feel that very love, though boundless, encompassed within the centre of his being, and moving not from love thought to love thought, nor from love deeds to other love deeds?
And is not time even as love is, undivided and paceless?
But if in your thought you must measure time into seasons, let each season encircle all the other seasons,
And let today embrace the past with remembrance and the future with longing.
And one of the elders of the city
— Kahlil Gibran, The Prophet (1923) · Public Domain
Stille Beobachtungen
- – Wo hetze ich durch den Tag?
- – Welcher Moment heute war zeitlos?
- – Was bleibt, wenn ich aufhöre zu zählen?
- – Wo scheint Ewigkeit durch das Gewöhnliche?
Diese Begegnung muss nichts hervorbringen.
Du darfst weitergehen, ohne etwas mitzunehmen.
Wenn Du möchtest, schreibe der Zeit, Khalil oder dem Buch einen Dankesbrief.