Der Propheten-Raum
Khalils geliehene Stimme
Lies nicht, um klüger zu entscheiden. Lies, als säßen Vernunft und Leidenschaft gemeinsam bei Dir und suchten ein Gleichgewicht.
Khalil leiht Vernunft und Leidenschaft eine Stimme. Vielleicht zeigen sie heute, dass sie einander brauchen wie Segel und Ruder.
Vernunft und Leidenschaft sind zu Gast
Deine Seele ist oft ein Schlachtfeld, auf dem Deine Vernunft und Dein Urteil Krieg führen gegen Deine Leidenschaft und Dein Verlangen.
Könnte ich der Friedensstifter sein in Deiner Seele, der Zwietracht und Wettstreit Deiner Elemente in Einheit und Melodie verwandelt.
Doch wie könnte ich das, wenn ihr nicht selbst die Friedensstifter seid — ja, die Liebenden all eurer Teile?
Eure Vernunft und eure Leidenschaft sind das Ruder und die Segel eurer seefahrenden Seele.
Wenn Segel oder Ruder brechen, könnt ihr nur treiben und schaukeln oder mitten auf dem Meer stillstehen.
Denn die Vernunft, die allein herrscht, ist eine einengende Kraft. Und die Leidenschaft, unbegleitet, ist eine Flamme, die sich selbst verbrennt.
Darum lass Deine Seele die Vernunft zur Höhe der Leidenschaft erheben, damit sie singen kann. Und lass sie Deine Leidenschaft mit Vernunft lenken, damit Deine Leidenschaft durch ihre eigene tägliche Auferstehung lebt und sich wie der Phönix über ihre eigene Asche erhebt.
Betrachte Dein Urteil und Dein Verlangen wie zwei geliebte Gäste in Deinem Haus. Du würdest nicht den einen Gast über den anderen ehren. Denn wer sich mehr um den einen kümmert, verliert die Liebe und das Vertrauen beider.
Wenn ihr in den Hügeln sitzt im kühlen Schatten der weißen Pappeln und den Frieden und die Stille ferner Felder und Wiesen teilt — dann lass Dein Herz in der Stille sagen: Gott ruht in der Vernunft.
Und wenn der Sturm kommt und der mächtige Wind den Wald schüttelt und Donner und Blitz die Majestät des Himmels verkünden — dann lass Dein Herz in Ehrfurcht sagen: Gott bewegt sich in der Leidenschaft.
Und da ihr ein Atem seid in Gottes Sphäre und ein Blatt in Gottes Wald, so sollt auch ihr ruhen in der Vernunft und euch bewegen in der Leidenschaft.
— Nachdichtung nach Kahlil Gibran
Englisches Original anzeigen · On Reason and Passion
Your soul is oftentimes a battlefield, upon which your reason and your judgment wage war against your passion and your appetite.
Would that I could be the peacemaker in your soul, that I might turn the discord and the rivalry of your elements into oneness and melody.
But how shall I, unless you yourselves be also the peacemakers, nay, the lovers of all your elements?
Your reason and your passion are the rudder and the sails of your seafaring soul.
If either your sails or your rudder be broken, you can but toss and drift, or else be held at a standstill in mid-seas.
For reason, ruling alone, is a force confining; and passion, unattended, is a flame that burns to its own destruction.
Therefore let your soul exalt your reason to the height of passion, that it may sing;
And let it direct your passion with reason, that your passion may live through its own daily resurrection, and like the phoenix rise above its own ashes.
I would have you consider your judgment and your appetite even as you would two loved guests in your house.
Surely you would not honour one guest above the other; for he who is more mindful of one loses the love and the faith of both
Among the hills, when you sit in the cool shade of the white poplars, sharing the peace and serenity of distant fields and meadows--then let your heart say in silence, “God rests in reason.”
And when the storm comes, and the mighty wind shakes the forest, and thunder and lightning proclaim the majesty of the sky,--then let your heart say in awe, “God moves in passion.”
And since you are a breath in God’s sphere, and a leaf in God’s forest, you too should rest in reason and move in passion.
And a woman spoke, saying, Tell us
— Kahlil Gibran, The Prophet (1923) · Public Domain
Stille Beobachtungen
- – Wo unterdrücke ich Leidenschaft zugunsten der Vernunft?
- – Wo überwältigt mich Leidenschaft?
- – Was geschieht, wenn beide gleichzeitig sprechen dürfen?
- – Welches Gespann trägt mich heute?
Diese Begegnung muss nichts hervorbringen.
Du darfst weitergehen, ohne etwas mitzunehmen.
Wenn Du möchtest, schreibe Vernunft und Leidenschaft, Khalil oder dem Buch einen Dankesbrief.