Der Propheten-Raum
Khalils geliehene Stimme
Lies nicht, um zu urteilen. Lies, als säßen Schuld und Strafe bei Dir und fragten, was Gerechtigkeit eigentlich heilen will.
Khalil leiht Schuld und Strafe eine Stimme. Vielleicht fragen sie heute nicht nach Recht, sondern danach, wo Verurteilung das verdeckt, was gehalten werden möchte.
Schuld und Strafe sind zu Gast
Wenn Dein Geist auf dem Wind umherwandert, dann geschieht es, dass Du — allein und unbewacht — ein Unrecht begehst an anderen und damit an Dir selbst.
Und für dieses Unrecht musst Du klopfen und eine Weile ungehört warten am Tor der Gesegneten.
Wie der Ozean ist Dein göttliches Selbst. Es bleibt für immer unbefleckt. Und wie der Äther hebt es nur die Geflügelten.
Wie die Sonne ist Dein göttliches Selbst. Es kennt nicht die Wege des Maulwurfs und sucht nicht die Löcher der Schlange.
Doch Dein göttliches Selbst wohnt nicht allein in Dir. Vieles in Dir ist noch Mensch, und vieles in Dir ist noch nicht Mensch, sondern ein formloses Wesen, das schlafend im Nebel wandert und nach seinem eigenen Erwachen sucht.
Vom Menschen in Dir möchte ich jetzt sprechen. Denn er ist es, nicht Dein göttliches Selbst noch das Wesen im Nebel, der Schuld kennt und die Strafe der Schuld.
Oft habe ich euch von einem sprechen hören, der Unrecht begeht, als wäre er nicht einer von euch, sondern ein Fremder und ein Eindringling in eure Welt.
Doch ich sage euch: So wie der Heilige und Gerechte nicht aufsteigen kann über das Höchste, das in jedem von euch ist, so kann der Böse und Schwache nicht tiefer fallen als das Niedrigste, das auch in euch ist.
Und wie ein einzelnes Blatt nicht gelb wird ohne das stille Wissen des ganzen Baumes, so kann der Übeltäter nicht Unrecht tun ohne den verborgenen Willen von euch allen.
Wie ein Zug geht ihr gemeinsam eurem göttlichen Selbst entgegen. Ihr seid der Weg und die Wanderer.
Und wenn einer von euch fällt, fällt er für die hinter ihm — als Warnung vor dem Stolperstein. Ja, und er fällt für die vor ihm, die, obwohl schneller und sicherer im Schritt, den Stolperstein nicht entfernten.
Und auch dies, obwohl das Wort schwer auf euren Herzen liegt: Der Ermordete ist nicht ohne Anteil an seinem eigenen Mord. Und der Beraubte ist nicht ohne Schuld an seinem Beraubtwerden.
Der Gerechte ist nicht unschuldig an den Taten des Bösen. Und der Reinhändige ist nicht sauber in den Taten des Verbrechers.
Ja, der Schuldige ist oft das Opfer des Verletzten. Und noch öfter ist der Verurteilte der Lastenträger der Schuldlosen.
Ihr könnt den Gerechten nicht trennen vom Ungerechten und den Guten nicht vom Bösen. Denn sie stehen zusammen vor dem Angesicht der Sonne, so wie der schwarze Faden und der weiße zusammengewoben sind.
Und wenn der schwarze Faden reißt, soll der Weber das ganze Tuch betrachten und auch den Webstuhl untersuchen.
Wenn einer von euch die untreue Frau vor Gericht bringen will, so wiege er auch das Herz ihres Mannes auf der Waage und messe seine Seele mit Maßen.
Und wer den Übertreter peitschen will, schaue auf den Geist des Verletzten.
Und wenn einer von euch im Namen der Gerechtigkeit strafen will und die Axt an den bösen Baum legen, so sehe er nach seinen Wurzeln. Und wahrlich, er wird finden: Die Wurzeln des Guten und des Bösen, des Fruchtbaren und des Unfruchtbaren, sind alle miteinander verflochten im stillen Herzen der Erde.
Und ihr Richter, die ihr gerecht sein wollt — welches Urteil sprecht ihr über den, der ehrlich im Fleisch, doch ein Dieb im Geist ist?
Welche Strafe legt ihr dem auf, der im Fleisch tötet, doch selbst im Geist getötet wird?
Und wie verfolgt ihr den, der in der Tat ein Betrüger und Unterdrücker ist, der aber auch selbst gekränkt und empört ist?
Und wie wollt ihr jene strafen, deren Reue bereits größer ist als ihre Vergehen?
Ist Reue nicht die Gerechtigkeit, die von jenem Gesetz verwaltet wird, dem ihr so gern dienen möchtet?
Doch Reue könnt ihr nicht dem Unschuldigen auferlegen noch sie vom Herzen des Schuldigen heben. Ungerufen wird sie in der Nacht rufen, damit die Menschen erwachen und sich selbst betrachten.
Und ihr, die ihr Gerechtigkeit verstehen wollt — wie wollt ihr sie verstehen, wenn ihr nicht alle Taten im vollen Licht betrachtet?
Nur dann werdet ihr erkennen: Der Aufrechte und der Gefallene sind nur ein Mensch, der in der Dämmerung steht zwischen der Nacht seines kleinen Selbst und dem Tag seines göttlichen Selbst.
Und der Eckstein des Tempels ist nicht höher als der niedrigste Stein in seinem Fundament.
— Nachdichtung nach Kahlil Gibran
Englisches Original anzeigen · On Crime and Punishment
It is when your spirit goes wandering upon the wind,
That you, alone and unguarded, commit a wrong unto others and therefore unto yourself.
And for that wrong committed must you knock and wait a while unheeded at the gate of the blessed.
Like the ocean is your god-self;
It remains for ever undefiled.
And like the ether it lifts but the winged.
Even like the sun is your god-self;
It knows not the ways of the mole nor seeks it the holes of the serpent.
But your god-self dwells not alone in your being.
Much in you is still man, and much in you is not yet man,
But a shapeless pigmy that walks asleep in the mist searching for its own awakening.
And of the man in you would I now speak.
For it is he and not your god-self nor the pigmy in the mist, that knows crime and the punishment of crime.
Oftentimes have I heard you speak of one who commits a wrong as though he were not one of you, but a stranger unto you and an intruder upon your world.
But I say that even as the holy and the righteous cannot rise beyond the highest which is in each one of you,
So the wicked and the weak cannot fall lower than the lowest which is in you also.
And as a single leaf turns not yellow but with the silent knowledge of the whole tree,
So the wrong-doer cannot do wrong without the hidden will of you all.
Like a procession you walk together towards your god-self.
You are the way and the wayfarers.
And when one of you falls down he falls for those behind him, a caution against the stumbling stone.
Ay, and he falls for those ahead of him, who though faster and surer of foot, yet removed not the stumbling stone.
And this also, though the word lie heavy upon your hearts:
The murdered is not unaccountable for his own murder,
And the robbed is not blameless in being robbed.
The righteous is not innocent of the deeds of the wicked,
And the white-handed is not clean in the doings of the felon.
Yea, the guilty is oftentimes the victim of the injured,
And still more often the condemned is the burden bearer for the guiltless and unblamed.
You cannot separate the just from the unjust and the good from the wicked;
For they stand together before the face of the sun even as the black thread and the white are woven together.
And when the black thread breaks, the weaver shall look into the whole cloth, and he shall examine the loom also.
If any of you would bring to judgment the unfaithful wife,
Let him also weigh the heart of her husband in scales, and measure his soul with measurements.
And let him who would lash the offender look unto the spirit of the offended.
And if any of you would punish in the name of righteousness and lay the ax unto the evil tree, let him see to its roots;
And verily he will find the roots of the good and the bad, the fruitful and the fruitless, all entwined together in the silent heart of the earth.
And you judges who would be just,
What judgment pronounce you upon him who though honest in the flesh yet is a thief in spirit?
What penalty lay you upon him who slays in the flesh yet is himself slain in the spirit?
And how prosecute you him who in action is a deceiver and an oppressor,
Yet who also is aggrieved and outraged?
And how shall you punish those whose remorse is already greater than their misdeeds?
Is not remorse the justice which is administered by that very law which you would fain serve?
Yet you cannot lay remorse upon the innocent nor lift it from the heart of the guilty.
Unbidden shall it call in the night, that men may wake and gaze upon themselves.
And you who would understand justice, how shall you unless you look upon all deeds in the fullness of light?
Only then shall you know that the erect and the fallen are but one man standing in twilight between the night of his pigmy-self and the day of his god-self, And that the corner-stone of the temple is not higher than the lowest stone in its foundation.
Then a lawyer said, But what of our
— Kahlil Gibran, The Prophet (1923) · Public Domain
Stille Beobachtungen
- – Wo verurteile ich, um mich sicher zu fühlen?
- – Welche Schuld trage ich still mit mir?
- – Was bräuchte Vergebung statt Strafe?
- – Wo ist mein Urteil eine Flucht vor Mitgefühl?
Diese Begegnung muss nichts hervorbringen.
Du darfst weitergehen, ohne etwas mitzunehmen.
Wenn Du möchtest, schreibe Schuld und Strafe, Khalil oder dem Buch einen Dankesbrief.