Der Propheten-Raum
Khalils geliehene Stimme
Lies nicht, um einen Glauben zu bestätigen oder abzulehnen. Lies, als fragte Dich die Religion, wo das Heilige in Dir wohnt.
Khalil leiht der Religion eine Stimme. Vielleicht fragt sie heute nicht nach Bekenntnis, sondern danach, wo das Heilige lebt, ohne eingesperrt zu sein.
Religion ist zu Gast
Habe ich heute von etwas anderem gesprochen?
Ist nicht Religion alle Taten und alles Nachdenken? Und das, was weder Tat noch Nachdenken ist, sondern ein Staunen und Überraschtwerden, das unaufhörlich in der Seele aufquillt, selbst wenn die Hände den Stein behauen oder den Webstuhl bedienen?
Wer kann seinen Glauben von seinen Taten trennen oder seinen Glauben von seinem Tun?
Wer kann seine Stunden vor sich ausbreiten und sagen: Dies für Gott und dies für mich. Dies für meine Seele und dies für meinen Körper.
Alle eure Stunden sind Flügel, die durch den Raum schlagen von Selbst zu Selbst.
Wer seine Moral nur als sein bestes Gewand trägt, wäre besser nackt. Wind und Sonne werden keine Löcher in seine Haut reißen.
Und wer sein Verhalten durch Ethik festlegt, sperrt seinen Singvogel in einen Käfig. Das freieste Lied kommt nicht durch Gitter und Drähte.
Und wem das Beten ein Fenster ist, das man öffnet, aber auch schließt — der hat noch nicht das Haus seiner Seele besucht, dessen Fenster von Morgenrot zu Morgenrot offen stehen.
Euer tägliches Leben ist euer Tempel und eure Religion. Wann immer ihr ihn betretet, nehmt alles mit euch.
Nehmt den Pflug und die Schmiede und den Hammer und die Laute. Die Dinge, die ihr geschaffen habt aus Notwendigkeit oder aus Freude.
Denn in der Träumerei könnt ihr nicht aufsteigen über eure Werke noch tiefer fallen als eure Fehlschläge.
Und nehmt alle Menschen mit euch. Denn in der Anbetung könnt ihr nicht höher fliegen als ihre Hoffnungen noch euch tiefer beugen als ihre Verzweiflung.
Und wenn ihr Gott erkennen wollt, seid darum kein Löser von Rätseln. Schaut lieber um euch, und ihr werdet ihn spielen sehen mit euren Kindern.
Und blickt in den Raum: Ihr werdet ihn wandeln sehen in der Wolke, seine Arme ausstreckend im Blitz und herabsteigend im Regen.
Ihr werdet ihn lächeln sehen in Blumen, dann aufsteigend und winkend mit seinen Händen in Bäumen.
— Nachdichtung nach Kahlil Gibran
Englisches Original anzeigen · On Religion
Have I spoken this day of aught else?
Is not religion all deeds and all reflection,
And that which is neither deed nor reflection, but a wonder and a surprise ever springing in the soul, even while the hands hew the stone or tend the loom?
Who can separate his faith from his actions, or his belief from his occupations?
Who can spread his hours before him, saying, “This for God and this for myself; This for my soul, and this other for my body?”
All your hours are wings that beat through space from self to self.
He who wears his morality but as his best garment were better naked.
The wind and the sun will tear no holes in his skin.
And he who defines his conduct by ethics imprisons his song-bird in a cage.
The freest song comes not through bars and wires.
And he to whom worshipping is a window, to open but also to shut, has not yet visited the house of his soul whose windows are from dawn to dawn.
Your daily life is your temple and your religion.
Whenever you enter into it take with you your all.
Take the plough and the forge and the mallet and the lute,
The things you have fashioned in necessity or for delight.
For in revery you cannot rise above your achievements nor fall lower than your failures.
And take with you all men:
For in adoration you cannot fly higher than their hopes nor humble yourself lower than their despair.
And if you would know God be not therefore a solver of riddles.
Rather look about you and you shall see Him playing with your children.
And look into space; you shall see Him walking in the cloud, outstretching His arms in the lightning and descending in rain.
You shall see Him smiling in flowers, then rising and waving His hands in trees.
— Kahlil Gibran, The Prophet (1923) · Public Domain
Stille Beobachtungen
- – Wo suche ich das Heilige?
- – Welches Bekenntnis ist lebendig, welches ist Form?
- – Wo wurde Glaube zum Gefängnis?
- – Was ist heilig, ohne benannt werden zu müssen?
Diese Begegnung muss nichts hervorbringen.
Du darfst weitergehen, ohne etwas mitzunehmen.
Wenn Du möchtest, schreibe der Religion, Khalil oder dem Buch einen Dankesbrief.