Der Propheten-Raum

Khalils geliehene Stimme

Lies nicht, um besser zu werden. Lies, als säßen Gut und Böse bei Dir und fragten, ob Du beide kennst.

Khalil leiht Gut und Böse eine Stimme. Vielleicht fragen sie heute nicht nach Moral, sondern danach, wo das Leben noch ungeordnet und ganz wachsen darf.

Gut und Böse sind zu Gast

Vom Guten in euch kann ich sprechen, doch nicht vom Bösen. Denn was ist das Böse anderes als das Gute, das von seinem eigenen Hunger und Durst gequält wird?

Wahrlich, wenn das Gute hungert, sucht es Nahrung selbst in dunklen Höhlen. Und wenn es dürstet, trinkt es selbst von toten Wassern.

Ihr seid gut, wenn ihr eins seid mit euch selbst. Doch wenn ihr nicht eins seid mit euch, seid ihr nicht böse. Denn ein geteiltes Haus ist keine Räuberhöhle. Es ist nur ein geteiltes Haus.

Und ein Schiff ohne Ruder mag ziellos treiben zwischen gefährlichen Inseln, ohne doch zu sinken.

Ihr seid gut, wenn ihr danach strebt, von euch selbst zu geben. Doch ihr seid nicht böse, wenn ihr Gewinn sucht für euch selbst. Denn wenn ihr nach Gewinn strebt, seid ihr nur eine Wurzel, die sich an die Erde klammert und an ihrer Brust trinkt.

Die Frucht kann nicht zur Wurzel sagen: Sei wie ich, reif und voll und immer gebend. Denn für die Frucht ist Geben ein Bedürfnis, wie Empfangen ein Bedürfnis ist für die Wurzel.

Ihr seid gut, wenn ihr hellwach seid in eurer Rede. Doch ihr seid nicht böse, wenn ihr schlaft, während eure Zunge ohne Richtung stolpert. Selbst stolpernde Rede kann eine schwache Zunge stärken.

Ihr seid gut, wenn ihr eurem Ziel entgegenschreitet mit festen und kühnen Schritten. Doch ihr seid nicht böse, wenn ihr hinkend dorthin geht. Selbst die Hinkenden gehen nicht rückwärts.

Doch ihr, die ihr stark und schnell seid — seht zu, dass ihr nicht vor dem Lahmen hinkt und es Güte nennt.

Ihr seid gut auf unzählige Weisen, und ihr seid nicht böse, wenn ihr nicht gut seid. Ihr seid nur müßig und träge.

Schade, dass die Hirsche den Schildkröten keine Schnelligkeit lehren können.

In eurer Sehnsucht nach eurem größeren Selbst liegt eure Güte. Und diese Sehnsucht ist in euch allen.

Doch in manchen von euch ist sie ein Sturzbach, der mit Macht zum Meer drängt und die Geheimnisse der Hügel und die Lieder des Waldes trägt.

Und in anderen ist sie ein flacher Strom, der sich in Windungen und Biegungen verliert und zögert, bevor er das Ufer erreicht.

Doch lasst den, der viel sehnt, nicht zu dem sagen, der wenig sehnt: Warum bist Du langsam und zögernd?

Denn die wahrhaft Guten fragen den Nackten nicht: Wo ist Dein Gewand? Noch den Obdachlosen: Was ist Deinem Haus geschehen?

— Nachdichtung nach Kahlil Gibran

Englisches Original anzeigen · On Good and Evil

Of the good in you I can speak, but not of the evil.

For what is evil but good tortured by its own hunger and thirst?

Verily when good is hungry it seeks food even in dark caves, and when it thirsts it drinks even of dead waters.

You are good when you are one with yourself.

Yet when you are not one with yourself you are not evil.

For a divided house is not a den of thieves; it is only a divided house.

And a ship without rudder may wander aimlessly among perilous isles yet sink not to the bottom.

You are good when you strive to give of yourself.

Yet you are not evil when you seek gain for yourself.

For when you strive for gain you are but a root that clings to the earth and sucks at her breast.

Surely the fruit cannot say to the root, “Be like me, ripe and full and ever giving of your abundance.”

For to the fruit giving is a need, as receiving is a need to the root.

You are good when you are fully awake in your speech,

Yet you are not evil when you sleep while your tongue staggers without purpose.

And even stumbling speech may strengthen a weak tongue.

You are good when you walk to your goal firmly and with bold steps.

Yet you are not evil when you go thither limping.

Even those who limp go not backward.

But you who are strong and swift, see that you do not limp before the lame, deeming it kindness.

You are good in countless ways, and you are not evil when you are not good,

You are only loitering and sluggard.

Pity that the stags cannot teach swiftness to the turtles.

In your longing for your giant self lies your goodness: and that longing is in all of you.

But in some of you that longing is a torrent rushing with might to the sea, carrying the secrets of the hillsides and the songs of the forest.

And in others it is a flat stream that loses itself in angles and bends and lingers before it reaches the shore.

But let not him who longs much say to him who longs little, “Wherefore are you slow and halting?”

For the truly good ask not the naked, “Where is your garment?” nor the houseless, “What has befallen your house?”

Then a priestess said, Speak to us

— Kahlil Gibran, The Prophet (1923) · Public Domain

Stille Beobachtungen

Diese Begegnung muss nichts hervorbringen.
Du darfst weitergehen, ohne etwas mitzunehmen.

Wenn Du möchtest, schreibe Gut und Böse, Khalil oder dem Buch einen Dankesbrief.

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