Der Propheten-Raum
Khalils geliehene Stimme
Lies nicht, um Regeln zu prüfen. Lies, als fragten Dich die Gesetze, ob sie noch lebendig sind.
Khalil leiht den Gesetzen eine Stimme. Vielleicht fragen sie heute nicht nach Gehorsam, sondern danach, wo Form den Geist erstickt hat.
Gesetze sind zu Gast
Ihr erfreut euch daran, Gesetze aufzustellen. Doch noch mehr erfreut ihr euch daran, sie zu brechen.
Wie Kinder am Ozean, die Sandtürme bauen mit Ausdauer und sie dann zerstören mit Lachen.
Doch während ihr eure Sandtürme baut, bringt der Ozean mehr Sand ans Ufer. Und wenn ihr sie zerstört, lacht der Ozean mit euch. Wahrlich, der Ozean lacht immer mit den Unschuldigen.
Doch wie steht es um jene, denen das Leben kein Ozean ist und menschengemachte Gesetze keine Sandtürme, sondern denen das Leben ein Fels ist und das Gesetz ein Meißel, mit dem sie ihn nach ihrem Bild formen wollen?
Was ist mit dem Krüppel, der die Tänzer hasst? Was mit dem Ochsen, der sein Joch liebt und Hirsch und Reh des Waldes für verirrte Wesen hält?
Was mit der alten Schlange, die sich nicht häuten kann und alle anderen nackt und schamlos nennt?
Und mit dem, der früh zum Hochzeitsmahl kommt und übersatt und müde seines Weges geht und sagt: Alle Feste sind Vergehen und alle Feiernden Gesetzesbrecher?
Was soll ich von diesen sagen, außer dass auch sie im Sonnenlicht stehen, doch mit dem Rücken zur Sonne?
Sie sehen nur ihre Schatten, und ihre Schatten sind ihre Gesetze. Und was ist die Sonne für sie anderes als ein Schattenwerfer?
Und was heißt es, Gesetze anzuerkennen, als sich zu bücken und ihre Schatten auf die Erde nachzuzeichnen?
Doch ihr, die ihr der Sonne zugewandt geht — welche Bilder auf der Erde können euch halten?
Ihr, die ihr mit dem Wind reist — welche Wetterfahne soll euren Kurs bestimmen?
Welches Menschengesetz soll euch binden, wenn ihr euer Joch brecht, aber an keines Menschen Gefängnistür?
Welche Gesetze sollt ihr fürchten, wenn ihr tanzt, aber gegen keines Menschen eiserne Ketten stoßt?
Und wer soll euch vor Gericht bringen, wenn ihr euer Gewand abreißt, es aber auf keines Menschen Weg zurücklasst?
Menschen von Orphalese, ihr könnt die Trommel dämpfen und die Saiten der Leier lockern. Doch wer soll der Lerche gebieten, nicht zu singen?
— Nachdichtung nach Kahlil Gibran
Englisches Original anzeigen · On Laws
You delight in laying down laws,
Yet you delight more in breaking them.
Like children playing by the ocean who build sand-towers with constancy and then destroy them with laughter.
But while you build your sand-towers the ocean brings more sand to the shore,
And when you destroy them the ocean laughs with you.
Verily the ocean laughs always with the innocent.
But what of those to whom life is not an ocean, and man-made laws are not sand-towers,
But to whom life is a rock, and the law a chisel with which they would carve it in their own likeness?
What of the cripple who hates dancers?
What of the ox who loves his yoke and deems the elk and deer of the forest stray and vagrant things?
What of the old serpent who cannot shed his skin, and calls all others naked and shameless?
And of him who comes early to the wedding-feast, and when over-fed and tired goes his way saying that all feasts are violation and all feasters lawbreakers?
What shall I say of these save that they too stand in the sunlight, but with their backs to the sun?
They see only their shadows, and their shadows are their laws.
And what is the sun to them but a caster of shadows?
And what is it to acknowledge the laws but to stoop down and trace their shadows upon the earth?
But you who walk facing the sun, what images drawn on the earth can hold you?
You who travel with the wind, what weather-vane shall direct your course?
What man’s law shall bind you if you break your yoke but upon no man’s prison door?
What laws shall you fear if you dance but stumble against no man’s iron chains?
And who is he that shall bring you to judgment if you tear off your garment yet leave it in no man’s path?
People of Orphalese, you can muffle the drum, and you can loosen the strings of the lyre, but who shall command the skylark not to sing?
And an orator said, Speak to us of
— Kahlil Gibran, The Prophet (1923) · Public Domain
Stille Beobachtungen
- – Welche Regel folge ich, ohne sie zu fühlen?
- – Wo wurde lebendige Ethik zur toten Pflicht?
- – Was wäre, wenn ich dem Geist statt dem Buchstaben folgte?
- – Welches Gesetz in mir ist noch lebendig?
Diese Begegnung muss nichts hervorbringen.
Du darfst weitergehen, ohne etwas mitzunehmen.
Wenn Du möchtest, schreibe den Gesetzen, Khalil oder dem Buch einen Dankesbrief.