Der Propheten-Raum
Khalils geliehene Stimme
Lies nicht, um großzügiger zu werden. Lies, als säße Dir das Geben gegenüber und fragte nach Deiner Freiheit.
Khalil leiht dem Geben eine Stimme. Vielleicht fragt es heute nicht nach Menge, sondern danach, ob Deine Gabe noch frei ist.
Geben ist zu Gast
Du gibst wenig, wenn Du von Deinem Besitz gibst. Erst wenn Du von Dir selbst gibst, gibst Du wahrhaft.
Denn was ist Dein Besitz anderes als Dinge, die Du hütest aus Angst, Du könntest sie morgen brauchen?
Und morgen — was bringt das Morgen dem übervorsichtigen Hund, der Knochen vergräbt im spurlosen Sand, während er den Pilgern zur heiligen Stadt folgt?
Und was ist die Angst vor Mangel anderes als Mangel selbst? Ist nicht die Furcht vor Durst, wenn Dein Brunnen voll ist, bereits der Durst, der nicht zu stillen ist?
Es gibt jene, die wenig geben von ihrem Vielen — und sie geben es für Anerkennung. Ihr verborgenes Verlangen macht ihre Gaben schal.
Und es gibt jene, die wenig haben und alles geben. Sie glauben an das Leben und an die Fülle des Lebens, und ihre Truhe ist niemals leer.
Es gibt jene, die mit Freude geben, und die Freude ist ihr Lohn. Und es gibt jene, die mit Schmerz geben, und der Schmerz ist ihre Taufe.
Und es gibt jene, die geben und weder Schmerz kennen noch Freude suchen, noch mit Gedanken an Tugend geben. Sie geben, wie im Tal dort drüben die Myrte ihren Duft in den Raum atmet.
Durch die Hände solcher Menschen spricht das Leben, und hinter ihren Augen lächelt es auf die Erde.
Es ist gut, zu geben, wenn man gefragt wird. Doch besser ist es, ungefragt zu geben, aus Verstehen. Und für den, der offene Hände hat, ist die Suche nach einem Empfangenden eine größere Freude als das Geben selbst.
Und gibt es etwas, das Du zurückhalten möchtest? Alles, was Du hast, wird eines Tages gegeben werden. Drum gib jetzt, damit die Zeit des Gebens die Deine sei und nicht die Deiner Erben.
Oft sagst Du: Ich würde geben, aber nur dem Würdigen. Die Bäume in Deinem Garten sagen das nicht. Auch nicht die Herden auf Deiner Weide. Sie geben, um zu leben. Denn Zurückhalten ist Vergehen.
Wer würdig ist, seine Tage und Nächte zu empfangen, der ist würdig, alles andere von Dir zu empfangen.
Und wer verdient hat, aus dem Ozean des Lebens zu trinken, verdient es, seinen Becher aus Deinem kleinen Bach zu füllen.
Und welche größere Wüste gäbe es als jene, die im Mut und Vertrauen des Empfangens liegt?
Und wer bist Du, dass Menschen ihre Brust aufreißen und ihren Stolz enthüllen sollten, damit Du ihren Wert nackt siehst?
Sieh zuerst, dass Du selbst würdig bist, ein Gebender zu sein und ein Werkzeug des Gebens.
Denn in Wahrheit ist es das Leben, das dem Leben gibt — während Du, der Du Dich für einen Gebenden hältst, nur ein Zeuge bist.
Und ihr Empfangenden — und ihr seid alle Empfangende — nehmt nicht das Gewicht der Dankbarkeit auf euch, damit ihr kein Joch legt auf euch und auf den, der gibt.
Erhebt euch lieber gemeinsam mit dem Gebenden auf seinen Gaben wie auf Flügeln. Denn zu sehr an eure Schuld zu denken, heißt an seiner Großzügigkeit zu zweifeln, der die freigebige Erde zur Mutter hat und Gott zum Vater.
— Nachdichtung nach Kahlil Gibran
Englisches Original anzeigen · On Giving
You give but little when you give of your possessions.
It is when you give of yourself that you truly give.
For what are your possessions but things you keep and guard for fear you may need them tomorrow?
And tomorrow, what shall tomorrow bring to the overprudent dog burying bones in the trackless sand as he follows the pilgrims to the holy city?
And what is fear of need but need itself?
Is not dread of thirst when your well is full, the thirst that is unquenchable?
There are those who give little of the much which they have--and they give it for recognition and their hidden desire makes their gifts unwholesome.
And there are those who have little and give it all.
These are the believers in life and the bounty of life, and their coffer is never empty.
There are those who give with joy, and that joy is their reward.
And there are those who give with pain, and that pain is their baptism.
And there are those who give and know not pain in giving, nor do they seek joy, nor give with mindfulness of virtue;
They give as in yonder valley the myrtle breathes its fragrance into space.
Through the hands of such as these God speaks, and from behind their eyes He smiles upon the earth.
It is well to give when asked, but it is better to give unasked, through understanding;
And to the open-handed the search for one who shall receive is joy greater than giving.
And is there aught you would withhold?
All you have shall some day be given;
Therefore give now, that the season of giving may be yours and not your inheritors’.
You often say, “I would give, but only to the deserving.”
The trees in your orchard say not so, nor the flocks in your pasture.
They give that they may live, for to withhold is to perish.
Surely he who is worthy to receive his days and his nights, is worthy of all else from you.
And he who has deserved to drink from the ocean of life deserves to fill his cup from your little stream.
And what desert greater shall there be, than that which lies in the courage and the confidence, nay the charity, of receiving?
And who are you that men should rend their bosom and unveil their pride, that you may see their worth naked and their pride unabashed?
See first that you yourself deserve to be a giver, and an instrument of giving.
For in truth it is life that gives unto life--while you, who deem yourself a giver, are but a witness.
And you receivers--and you are all receivers--assume no weight of gratitude, lest you lay a yoke upon yourself and upon him who gives.
Rather rise together with the giver on his gifts as on wings;
For to be overmindful of your debt, is to doubt his generosity who has the freehearted earth for mother, and God for father.
Then an old man, a keeper of an
— Kahlil Gibran, The Prophet (1923) · Public Domain
Stille Beobachtungen
- – Wo gebe ich, um etwas zurückzubekommen?
- – Wo ist Geben leicht?
- – Was gebe ich, das mir nicht gehört?
- – Welche Gabe braucht keine Bestätigung?
Diese Begegnung muss nichts hervorbringen.
Du darfst weitergehen, ohne etwas mitzunehmen.
Wenn Du möchtest, schreibe dem Geben, Khalil oder dem Buch einen Dankesbrief.